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Back to Articles Listing from 2008-04-04
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Von Severin Weiland
Jetzt ist es raus: Die Verdoppelung des Biospritanteils im Normalbenzin kommt doch nicht. Umweltminister Gabriel will sich nicht zum Alleinschuldigen stempeln lassen - und erinnert die Union an frühere Aussagen.
Berlin - Sigmar Gabriel hat sich gut präpariert. Seit Tagen steht er wegen der Biosprit-Verordnung in der öffentlichen Kritik. Dass sie nun doch nicht 2009 kommt,
hat er am Morgen über die "Bild"-Zeitung verkünden lassen
Gabriel fühlt sich offenkundig allein gelassen, vom Bundestag, von der Großen Koalition. Er holt weit aus, um die Biosprit-Verordnung einzuordnen ins Gesamttableau. So wie er es sieht. Niemand entgeht seinem Rückblick: Hatten nicht die Grünen die Quotenregelung zur Beimischung von Bioethanol noch vor kurzem begrüßt? Nannte nicht deren Fraktionschefin Renate Künast die Landwirte, die Produkte zur Gewinnung von Biokraftstoffen anbauen, die "Ölscheichs von morgen"? Auch die FDP kriegt ihr Fett ab, dito die Linkspartei.
Am schärfsten geht er aber mit dem Koalitionspartner ins Gericht. Er zitiert die CDU-Politikerin Katherina Reiche, den CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla, auch den CDU-Berichterstatter für Biokraftstoffe, Norbert Schindler. Alle seien für eine schnellere Erhöhung der Biokraftstoff-Quote gewesen. Schließlich attackiert er
auch CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer, der zum Wohle der bayerischen Landwirte sogar für eine weitergehende Erhöhung der Beimischungsquoten gewesen sei - gegen den Willen des Umweltministeriums.Gabriel bleibt dabei kontrolliert und fast kühl - ganz entgegen seinem sonstigen Temperament.
Auch die Kanzlerin wird in Haftung genommen
So wird, auf subtile Art und Weise, auch noch Angela Merkel in Haftung genommen.
Gabriel steht unter Druck, seit sich die Anzeichen mehren, dass die für 2009 geplante Verdoppelung des Biospritanteils auf zehn Prozent mehr Autofahrern Probleme bereiten würden, als zunächst vom Ministerium selbst vermutet. Schon Anfang der Woche hatte er in einem Interview den Rückzug vom ursprünglichen Plan indirekt angekündigt. Wenn mehr als eine Million Wagen technische Schwierigkeiten bekämen, würde die Verordnung nicht kommen.
Seit Freitag ist das nun offiziell. Besitzer älterer Fahrzeuge werde er nicht an die Super-Plus-Zapfsäule schicken, zumal viele von ihnen ohnehin wenig Geld hätten. Die höhere Beimischung habe nur das Ziel gehabt, der Autoindustrie das Erreichen ihrer Klimaschutzvorgaben zu erleichtern. Das müsse sie nun ohne die höhere Quote von Biokraftstoff schaffen. Der Verband der Internationalen Kraftfahrzeughersteller (VDIK) hatte Gabriel diese Woche gemeldet, dass rund 3,3 Millionen Importfahrzeuge die geplante Erhöhung nicht vertrügen. Zusammen mit den in Deutschland produzierten Fahrzeugen müssten deshalb 3,7 Millionen Fahrzeuge künftig den teuren Kraftstoff Super Plus tanken.
"Unehrliche Debatte" über den Umgang mit Biomasse
Gegen Ende der Pressekonferenz wird Gabriel gefragt, ob alle anderen Schuld am Biosprit-Chaos der letzten Tage gehabt hätten, nur er nicht. "Nee, wir haben ja auch zugestimmt", nuschelt er ins Mikrofon, um seine Antwort wenig später zu relativieren. Er glaube nicht, dass es "irgendwelche Schuld" gebe. Man habe auf der Basis der damaligen Erkenntnisse gehandelt. Doch vor allem die Frage, warum die Zahl der betroffenen Wagen nicht früher bekannt wurde, bleibt rätselhaft. Gabriel zählt Versäumnisse auf: Der VDIK habe ihn zwar "nicht gelinkt", sagt er, aber "nicht hinreichend, genügend nachgefasst"; der ADAC zu spät informiert; vielleicht habe auch die Automobilindustrie ein Interesse an der Situation gehabt.
Und ganz zum Schluss kommt Gabriels Eingeständnis, dass "wir möglicherweise zu gutgläubig gewesen sind".
© SPIEGEL ONLINE 2008
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